Vor nicht all zu langer Zeit lebte ein Mädchen mit seiner Stiefmutter im Berliner Stadtteil Neukölln. Das Mädchen hatte lange schwarze Haare, weil es früher mal einer Gruftie-Sekte angehörte; aschfahle Haut, weil es nur mit starken Sunblockern das Haus verlässt und roten Lippen, da es mit 17 Jahren noch nicht gelernt hat, sich nach dem Spaghettibolongneseverzehr den Mund zu säubern.

Dieses Mädchen lebt nun mit einer exzentrischen Stiefmutter in einer Zweizimmerwohnung in ärmlichen Verhältnissen. Zwar kann sich das Mädchen von ihrem Aushilfsjobgehalt von McDonalds immer noch in den lokalen Picaldi-Botiquen die tollsten Kleider kaufen, doch sieht das bei der Stiefmutter schon anders aus. Sie will nämlich ewig jung und schön aussehen und spritzt sich deshalb literweise Botox und zieht sich heimlich die Klamotten von Schneewittchen an, in der Hoffnung, dass sie schon nichts mitbekommt.

Einmal ging es sogar so weit, dass die Stiefmutter nach einer LSD-Überdosis dachte, dass der Spiegel in ihrem Schlafzimmer mit ihr spräche – und von dort an war diese Frau völlig durchgeknallt. Die halluzinogene Wirkung von dem Lysergsäurediethylamid zerstörte so einige Funktionen in ihrem vegetativen Nervensystem und sie machte Schneewittchen mit billigen Parolen runter und wollte, dass sie auszieht, da sie die schönste Frau im ganzen Haus seien wolle, da der Spiegel es so gesagt hätte.

In ihrer pubertären Naivität gekränkt, rannte Schneewittchen in ihren hochhackigen Manolo Blahnick-Stiefel über 7 Bergen zu den 7 Zwergen, da sich das gut in einem Tagebucheintrag bei LiveJournal macht, wenn man einen Stabreim und unbekannte Designernamen verwendet, die sonst nur in „Sex and the City“ Beachtung finden.
Das war nun wirklich eine Wohltat, für dieses Mädchen und die rannte in das Haus der 7 Zwerge, wo sie nach diesem Sprint von Neuköln nach Quermaten so dermaßen ausgepowert war, dass sie nur noch Hausfriedensbruch begehen konnte.
Sie hatte einen so dermaßen großen Kohldampf, dass sie den gesamten Kühlschrankinhalt leerte, mitsamt polnischen Senfgurken, Brokkoli und Rollmöpsen.

Nach einer Fressnarkose in viel zu klein geratenen Betten, kamen die Hausherren in ihr getrautes Heim marschiert und bemerkten diese zauberhafte Siebzehnjährige. Schneewittchen wurde von diesen Männern durch und durch begutachtet und dann weckten sie sie auf.

Nach anfänglichen Disputen, aufgrund des leeren Kühlschranks und des Hausfriedensbruch, verstanden sich die 8 Personen immer besser und sie konnten sich nach ein paar Wochen ein Leben ohneeinander nicht mehr vorstellen. Jeden Abend feierten sie ausgiebig und tranken sehr viel Alkohol, weswegen Schneewittchen für diese kleinen älteren Herren irgendwann empfänglich wurde.

Es dauerte nicht mehr lange, bis Schneewittchen ihre Lage realisierte und beschloss, dagegen etwas zu unternehmen. Da sie ein einfaches ableben mithilfe eines Stricks oder einer Pistole zu klischeehaft fand, kaufte sie sich von einer fliegenden Händlerin mit türkischem Migrationshintergrund einen Gürtel aus Bergziegenleder, der super zu ihren hochhackigen Designerstiefeln passte.

Nun stellte sich Schneewittchen in den Obstgarten der sieben Zwerge und versuchte durch zu festes anlegen der Gürtelschnalle einen Tod durch innerliche Blutungen und Quetschungen herbeizuführen, was jedoch nicht klappte. Diese Tatsache machte Schneewittchen nur noch deprimierter.
Deshalb schnappte sie sich einen Apfel aus den Obstgarten und spritze Cyankali in ihn hinein, um diesen anschließend zu essen. Leider kam ein junger Mann mit einer Persönlichkeitsstörung vorbei, der behauptete ein Prinz zu sein. Da er sich am letzten einsamen Wochenende eine Überdosis Scrubs reingezogen hatte, konnte er Schneewittchens Magen mit seiner Zunge auspumpen um schließlich den blausäurevergifteten Apfel zu entfernen.
Da das Cyankali noch nicht zu wirken anfing, konnte Schneewittchen sofort wieder aufstehen und erblickte den psychisch gestörten Prinzen. Da diese im Vergleich zu den 7 mickrigen Männern unheimlich gut aussah, verliebte sich Schneewittchen sofort in ihn und erzählte ihm jedes Detail von ihrem Werdegang – von der Neuköllner Mc-Donalds-Aushilfe zur Bewohnerin eines Gutsherrenhauses.
Beide wollten nun ein glückliches Leben in wunderbarer Zweisamkeit führen, weswegen sie die hässliche Stiefmutter beim Jugendamt anschwärzten und sich somit eine Genugtuung verschaffen wollten.
Die Konsequenzen hierbei waren dann, dass der Stiefmutter das Sorgerecht weggenommen wurde, und da Schneewittchen noch minderjährig war, und alle ihre Verwandten nicht erreichbar waren, zog sie mit ihrem „Prinzen“ in ein Jugendheim für psychisch labile Bonzenkinder, welches wie ein Schloss aussah – und lebten dort bis zu ihrem bitteren Ende.
Und wenn sie heut’ noch leben, dann sind sie ein Wunder der modernen Medizin.

- Dieses modernes “moderne Schneewittchen” wurde ihnen präsentiert von “Die Gebrüder Grimm AG” – “Wir sammeln Märchen, da wir nichts besseres zu tun haben”. Sämtliche Rechte liegen bei dem deutschen Volk, was irgendwann mal die erste Verfassung erzählt hat.

———

Die Inspiration hierzu habe ich von Butz und einer gewissen Julia Franke (also known as Virgilia Grady) bekommen (und natürlich das grauenhafte Nachmittagsprogramm der Privatsender) ;-)

- Aequitaz

Related posts:

  1. Das Moderne Schneewittchen – Comicversion
  2. Dornenhöschen (oder auch: Wenn Metzger wütend werden)
  3. Hänsel und Gretel – Soziale Sicherheit durch moralische Differenzen
  4. Der Froschkönig – Mord, Totschlag und Finanzkrise
  5. Rotkäppchen und der böse Wolfrasenmäher